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Spotlight Wissenschaft September 2023: Bericht zum deutschen Ökosystem Sozialer Innovation

Das Spotlight Wissenschaft bietet allen Interessierten monatliche Einblicke in aktuelle Entwicklungen im transdisziplinären Feld Sozialer Innovationen. So finden sich an dieser Stelle zukünftig beispielsweise weitere Literaturvorstellungen, Vorausschauen und Rückschauen auf Forschungskonferenzen zu Sozialer Innovation oder Einblicke in aktuelle Drittmittelprojekte.

Wie steht es um die Rahmenbedingungen Sozialer Innovation in Deutschland? Dieser Frage ging ein Team der Sozial­forschungs­stelle im Rahmen des Projektes “Kompetenzzentrum für Soziale Innovationen” nach.

Zu diesem Zweck waren zunächst internationale Expert:innen dazu eingeladen, Ideen für Forschungsschwerpunkte zu diskutieren. Um eine möglichst hohe praktische Relevanz der Forschung zu erreichen, wurden diese Ansätze in Leitfragen umgesetzt, durch die akademischen Partner:innen des Projektes reflektiert, anschließend ergänzt und wiederholt mit den Perspektiven der Projektpartner:innen abgeglichen.

Anschließend waren die Verbundpartner:innen des Projektes aus Forschung und Praxis dazu eingeladen, Fälle von Rahmenbedingungen Sozialer Innovation und guter Praxis zu identifizieren und mit Hilfe eines umfassenden Fragenkataloges zu dokumentieren – 95 Fälle kamen schließlich zusammen. Darunter finden sich neben zahlreichen Förderprogrammen und politischen Innovationsstrategien auch Beispiele von Unterstützungsstrukturen wie Social Innovation Labs. Die Bedeutung Sozialer Innovation in spezifischen Kontexten wurde genauso berücksichtigt wie geeignete Organisationsformen nach deutschem Recht für Initiativen Sozialer Innovation. Zudem wurden einige Fälle guter Praxis gesammelt.

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Das „Zwiebel-Modell“ (Kaletka et al. 2016) – eine Forschungsheuristik zur Erfassung des Ökosystems sozialer Innovation: Das Ökosystem sozialer Innovation Deutschland wurde vor dem Hintergrund der folgenden vier Kontextschichten analysiert, wobei der Schwerpunkt auf den Rahmenbedingungen lag: (i) Normen (z.B. gesetzliche Rahmenbedingungen, ethische und moralische Standards oder die Mission einzelner Akteur:innen oder Gruppen), (ii) Strukturen (z.B. Förderstrukturen, Infrastrukturen, gesellschaftlichen Strukturen, wie Demografie), (iii) Funktionen (z.B. Management und Organisationsform einer Initiative sozialer Innovation, Wege der Verbreitung), (iv) Akteur:innen und Rollen (z.B. individuelle und kollektive Akteur:innen, die soziale Innovation fördern, erschweren oder aktiv realisieren und deren Rollen als bspw. Fördereinrichtung, Innovator:in oder Zielgruppe von sozialer Innovation). Damit empfiehlt die Forschungsheuristik einen weiter gefassten Ansatz, der unter einem Ökosystem sozialer Innovation nicht nur die darin agierenden Akteur:innen versteht sondern auch die genannten (förderlichen und hinderlichen) Rahmenbedingungen berücksichtigt.

Die Ergebnisse der Analysen durch das Team der Sozialforschungsstelle zeigen viele Entwicklungen auf, die für eine wachsende Bedeutung Sozialer Innovation auf allen Ebenen spricht. Sowohl auf der Ebene der Bundesländer als auch in den Regionen und Kommunen und auf der Bundesebene lassen sich zahlreiche Beispiele von Bemühungen erkennen, Soziale Innovation ausdrücklich zu fördern. Neben öffentlicher Förderung nimmt die Bedeutung privater Finanzierung zu – oft unter dem Label der Impact Finanzierung. Dabei sind es nicht nur die Sozialunternehmer:innen als Sozialinnovator:innen an der Schnittstelle von non- und for-profit, die zum Entstehen Sozialer Innovation beitragen und entsprechende Aufmerksamkeit in der Förderlandschaft genießen. Im etablierten Wohlfahrtssektor, der durch die großen Trägerorganisationen der freien Wohlfahrtspflege geprägt ist, wird Soziale Innovation inzwischen als eigenes Thema erkannt und neue Kooperationen führen auch hier zu neuen Initiativen, beispielsweise durch Intrapreneur:innen. 

Diese Kooperationen finden auch mit und an Hochschulen statt und zeigen ein wachsendes Selbstverständnis wissenschaftlicher Einrichtungen als aktive Akteur:innen in einem förderlichen Ökosystem Sozialer Innovation. 

“ Noch vor wenigen Jahren hatten Hochschulen kaum eine aktive Rolle bei der Entwicklung und Gestaltung Sozialer Innovationen. Inzwischen wenden sich immer mehr Hochschulen dem Thema zu. Hochschulen können zukünftig eine führende Rolle bei der Erforschung und Vermittlung Sozialer Innovationen übernehmen und diese in Kooperation mit der Gesellschaft anstoßen und vorantreiben. “

 Prof. Dr. Jürgen Howaldt, 
Direktor, Sozialforschungsstelle Dortmund
Technische Universität Dortmund, Deutschland

Internationale Beispiele zeigen, dass noch viel Raum für förderliche Weiterentwicklungen bleibt. Trotz gestiegener Aufmerksamkeit auf lokaler und regionaler Ebene fehlen oft zentrale Anlaufstellen. Auch ein integrierter Ansatz in der Innovationspolitik würde Initiativen weiter stärken und das Praxisfeld insgesamt befördern. Solch ein Ansatz würde es ermöglichen, Wissen und Ressourcen der Innovationsförderung gebündelt bereitzustellen, spezifische Bedarfe gezielter vor Ort zu adressieren, und insgesamt mehr Orientierung in der neuen Innovationsvielfalt zu schaffen.

Link zum englischsprachigen Bericht:

https://sfs.sowi.tu-dortmund.de/storages/sfs-sowi/r/Publikationen/Soziale_Innovation_Publikationen/ESIA_Ecosystem_Report_Germany.pdf